![]() Wird die Seite nicht richtig angezeigt? Hast du einen Rechtschreibfehler entdeckt? Lass es uns wissen!Meine WeltSechs Uhr fünfundzwanzig an einem normalen Wochentag. Der Wecker klingelt. Verschlafen torkel ich zum Waschbecken und schaufel mir Wasser ins Gesicht, um zu mir zu kommen. Weiterhin im Halbschlaf geht es weiter zur Wohnzimmercouch, vor welcher der Computer aufgebaut ist. Die Monate des Rumlungerns in allen möglichen Sesseln haben meiner Wirbelsäule ganz schön zugesetzt. Aber hier auf der Couch ist alles gut. Mit einem Tastendruck erwacht der Rechner aus dem Standby Modus. Ja, ja, Ausschalten spart Strom, ich weiß, aber man verliert dabei auch wichtige Minuten. Zeit, die gerade zu dieser Morgenstunde essentiell sein kann. Der Login-Bildschirm von World of WarCraft wird von einem Statusfenster überlagert: "Disconnected from Server". Na das lässt sich ändern ;) Schnell wähle ich meinen Untoten Magier aus und klicke in Windeseile auf den "Welt betreten"-Button. Der Ladebildschirm verschwindet und macht endlich Platz für die Spielwelt. Wasser, Brot und ein Mana-Rubin werden beschworen. Schließlich will man keine Zeit verlieren und auf dem Ritt ins Twiligth-Kultisten-Lager kann sich das Mana problemlos regenerieren. Das Mana ist also aufgebraucht und schon sitz ich auf meinem Untoten-Schlachtross Richtung Nordosten. Ein flüchtiger Blick auf die Gildenanzeige zeigt mir, dass ich zumindest aus meinem Freundeskreis der Erste bin. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Schließlich ist Silithus immer total überfarmt und nur zu dieser frühen Stunde hat man wirklich mal eine Chance, ein paar Gegner abzugreifen und nicht Stunden lang darauf zu hoffen, dass man den nächsten Respawn als erstes entdeckt. Nach knapp einer Minute Ritt bin ich im Twilight-Außenposten angekommen. Das Mana ist zwar noch nicht wieder ganz voll, aber was soll's. Denn die Leichen am Boden zeigen mir, dass ich nicht alleine bin. Während ich meinen ersten Frostblitz auf den nichtsahnenden Kultisten wirke, taucht plötzlich neben ihm ein Schurke aus dem Nichts auf und setzt zu einem hinterhältigen Angriff an. Dann kann ich den Zauber auch gleich abbrechen. Der Gegner ist seiner. Schauen wir doch mal, was der Schurke so trägt... hmmm... Schattenkunstzeug... Herzsucher... Man, der hat ja noch nicht mal MC gesehen... den zieh ich ab... der hat hier gleich keinen Spaß mehr. Was mache ich hier eigentlich? Ach ja, ich wollte dieses Schwert haben, welches mir der Zirkel des Cenarius versprochen hatte, wenn ich ehrfürchtig werde. Außerdem sollen mit dem nächsten Patch auch noch neue Schneiderei Rezepte kommen, die ich durch den erworbenen Ruf kaufen kann und die zudem sehr nützlich für unsere Schlachtzüge durch Ahn'Qiraj sind. Tja und da das Töten der ganzen Gegner mir keinen Ruf mehr bringt, bin ich auf diese "verschlüsselten Texte der Twilight" angewiesen. Für 10 Stück davon bekommt man 100 Rufpunkte und mir fehlen noch 11.400 bis ehrfürchtig. Bei 20 Texten pro Stunde heißt das nur noch 57 Stunden farmen und ich habe es endlich geschafft! Es klingelt an der Tür. Das ist bestimmt wieder der Postbote. Was sag ich? Der kommt doch immer gegen zehn... Na ja, wo ich gerade stehe, kann ich auch schnell zum Bäcker gehen und mir was zum Frühstücken organisieren. "Wer ist diese kranke Gestalt bloß?", fragt ihr euch vermutlich schon seit mehreren Zeilen. Nun gut, dann möchte ich mich mal vorstellen. Mein Name ist Thorsten, ich bin 31 Jahre alt, lebe im Ruhrgebiet, bin gelernter Fachinformatiker für Systemintegration und arbeitslos. Ich spiele nun seit anderthalb Jahren World of WarCraft (seitdem ich für den ersten Beta-Test zugelassen wurde). Ich bin Gildenmeister einer etwas umfangreicheren Gilde und ebenso Leiter einer gut 50-Köpfigen-Raidgruppe, die mehr Mals wöchentlich durch den Geschmolzenen Kern, Pechschwingenhort, Tempel von Ahn'Qiraj und gelegentlich auch noch Zul'Gurub und die Ruinen von Ahn'Qiraj zieht. Ich habe 9 Charaktere der 60. Stufe (Nummer 10 ist gerade in Arbeit) und ich spiele täglich 14-16 Stunden World of WarCraft (WoW). "Unglaublich! Der Kerl ist Verrückt!", mögen manche von euch jetzt glauben. Aber in Wirklichkeit bin ich mit solchen schockierenden Angaben nicht alleine. Mein gesamter Bekanntenkreis besteht zwischenzeitlich aus Arbeitslosen, Schülern und Studenten, die mindestens genau so viel Zeit in dieses Spiel investieren. Zumindest verrät mir das meine Onlineanzeige ihrer Charaktere. Jeder "farmt" irgendwo Ruf, "raided" MC etc. oder killt in Rekordzeit andere Spieler auf den Schlachtfeldern. Stunde für Stunde, Woche für Woche und Monat für Monat. Das RL (Privatleben) läuft dabei selbstverständlich wie geschmiert! Die Schule leidet nicht im Geringsten, das Studium geht bestens voran und die Arbeitssuche ist auch schon voll im Gange. Doch über solche Themen spricht man im Spiel wenn nur flüchtig. Viel wichtiger sind die Fortschritte des/der Charaktere/s. Ich habe mir jetzt zum xten Mal vorgenommen meine Aktivitäten in der World of WarCraft zurückzuschrauben. Ich will die Gilden- und Raidleitung abgeben und mich nur noch auf einen einzigen Charakter beschränken. Wenn ich so recht darüber nachdenke, bringt es überhaupt keinen Sinn, so viel Zeit in das Spiel zu investieren. Es soll ja nur eine Freizeitbeschäftigung, ein Hobby sein. Außerdem wird World of WarCraft in ein paar Jahren vermutlich ohnehin eingestellt und dann ist alles weg! Aber wenn ich im Spiel bin, fallen mir so viele Dinge ein, die ich noch kurz machen müsste und dann ist der Tag auch schon wieder rum. Das Ganze lässt sich eigentlich nur mit einem Wort beschreiben: Sucht. Man weiß, dass es besser ist aufzuhören, kann es jedoch nicht. Seit zwei Wochen habe ich mich jetzt einigermaßen unter Kontrolle. Ich habe es geschafft WoW auf 4 Tage die Woche und einen Charakter zu reduzieren. Die Droge verlässt langsam meinen Körper. Der Unterschied zwischen WoW und einer Zigaretten oder Alkoholabhängigkeit ist klar: Eine Schachtel Luckys am Tag ist schädlich, 4 Stunden WoW dagegen nicht. Nein, die machen sogar richtig Spaß. Blizzard Entertainment schafft mit ihrem Spiel etwas Überwältigendes. Sie fesseln die Menschen an den Bildschirm, sie erweitern andauernd den Spielinhalt mit neuen Features. Es gibt kein Ende, es gibt kein Ziel. Ziele steckt man sich selber und je mehr Zeit man investiert, desto mehr bekommt man, desto besser sieht man im Spiel aus. In den anderthalb Jahren ist mein Leben scheinbar in wenigen Augenblicken an mir vorbeigezogen. Ich habe mehr als einen Geburtstag meiner Freunde verpasst, sogar den 30. meines besten Freundes. Soziale Kontakte gibt es quasi nicht mehr. "Warum ich diesen Artikel schreibe?", fragt ihr? Damit vielleicht auch mal ein paar andere "Süchtige" ihre Situation realisieren und etwas dagegen tun! Drei oder Vier Charaktere der 60. Stufe, die bei allen Fraktionen die Höchste Rufstufe, in T1 oder T2 gekleidet sind, drei Epic Mounts und den höchsten PvP Rang haben? Hat sich das gelohnt? Bringt es das wirklich? Vernachlässigt ihr dabei nicht vielleicht sogar eure Freunde im Spiel? Macht das eigentlich immer noch Spaß? Oder ist es mittlerweile eher eine Anstrengung? Aber was am wichtigsten ist: Was wollt ihr damit? Ich glaube der Studie der Universität Mainz nicht, dass nur 5% der Online-Computerspieler süchtig sind. Nach dem was ich tagtäglich beobachten kann und die Verkaufszahlen von Blizzard Entertainment (und der anderen Anbieter) belegen, muss der Schnitt viel höher sein. Es gibt unzählige "Süchtige", die vollkommen ihren Lebensinhalt vernachlässigen und vermutlich gänzlich den Bezug zur Realität verloren haben. Auf der anderen Seite sehe ich aber auf unseren gemeinsamen Abenteuern auch Mütter, die Abends während des Blackwinglair-Runs mal für ein paar Minuten verschwinden, um ihre Kinder ins Bett zu bringen und wirklich nur zu diesem Ereignis ein oder zwei Mal die Woche online kommen. Sie kennen den Unterschied zwischen virtuellem und richtigem Leben und ziehen ganz klar eine Grenze. Ich selber habe nun anderthalb Jahre mit dem Spiel verbracht und weiß, wovon ich rede. Ich werde weiterhin dieses wirklich geniale Spiel spielen. Nur ab jetzt deutlich weniger als zuvor. Den ersten Schritt habe ich bereits geschafft und nun, wo der Sommer vor der Tür steht und es draußen wieder wärmer wird, bekomme ich so langsam wieder Lust, das Leben an der frischen Luft zu genießen. Anmerkung: Namen und weitere persönliche Angaben wurden entfremdet. 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